Wer in Singapur ankommt und die blitzsauberen Straßen, die futuristischen Hochhäuser und die perfekt durchgetaktete Infrastruktur sieht, der denkt erstmal nicht daran, dass hier noch vor 100 Jahren im Grunde nichts war. Also gut, nichts ist übertrieben, ein paar hundert Fischer und Händler lebten schon hier, aber von einer Stadt konnte man wahrlich nicht sprechen. Und genau das macht die Geschichte dieses Stadtstaates so faszinierend, denn was hier in kürzester Zeit passiert ist, sucht weltweit seinesgleichen. Aber der Reihe nach.
Singapurs Geschichte – Ein Fischerdorf auf einer Insel
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ingapurs Geschichte beginnt nicht erst mit den Briten, auch wenn man das angesichts der kolonialen Architektur im Zentrum meinen könnte. Der Name Singapur geht auf das Sanskrit Wort Singapura zurück, was so viel wie „Löwenstadt" bedeutet. Der Legende nach soll ein Prinz aus Sumatra im 14. Jahrhundert hier einen Löwen gesehen haben. Ob es wirklich ein Löwe war, darf bezweifelt werden, schließlich gab es hier nie welche. Wahrscheinlich war es eher ein Tiger, aber „Tigerstadt" klang wohl nicht so majestätisch. Die Insel gehörte im 14. Jahrhundert zum Majapahit Reich, einem mächtigen Königreich mit Sitz auf Java, das große Teile Südostasiens kontrollierte, und fiel später an das Sultanat von Malakka, quasi das damalige Handelszentrum der Region im heutigen Malaysia. Allerdings verlor die Insel nach dem Fall Malakkas an die Portugiesen 1511 zunehmend an Bedeutung und versank für die nächsten dreihundert Jahre in relativer Bedeutungslosigkeit.
Dann kam Sir Stamford Raffles. 1819 landete der britische Kolonialbeamte auf der Insel und erkannte sofort das Potenzial des natürlichen Hafens. Er handelte mit dem lokalen Sultan einen Vertrag aus, der den Briten erlaubte, hier einen Handelsposten zu errichten. Eine durchaus clevere Entscheidung, denn Singapur liegt strategisch perfekt an der Meerenge von Malakka, einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich der Hafen zu einem florierenden Umschlagplatz und 1832 wurde Singapur sogar zur Hauptstadt der sogenannten Straits Settlements, zu denen auch Penang und Malakka gehörten. 1867 wurde es schließlich zur britischen Kronkolonie. In dieser Zeit strömten tausende Migranten aus China, Indien und anderen Teilen Asiens auf die Insel, was die multikulturelle Identität Singapurs bis heute prägt. Chinatown, Little India, Kampong Glam – all diese Viertel gehen auf diese Einwanderungswellen zurück.
Civil Defence Heritage Gallery
Im Feuerwehrmuseum, der Civil Defence Heritage Gallery, die in der wunderschönen Central Fire Station von 1909 untergebracht ist, bekommt man einen richtig guten Einblick in diese Kolonialzeit und die darauffolgende Entwicklung. Das rot-weiße Backsteingebäude ist übrigens immer noch eine aktive Feuerwache und wurde 1998 zum Nationaldenkmal erklärt. Im Museum gibt es neben alten Dampffeuerwehrwagen auch eine sehr eindrucksvolle Ausstellung über das verheerende Feuer von Bukit Ho Swee im Mai 1961, bei dem tausende Holzhäuser in den damaligen Kampongs, also den traditionellen Dörfern, niederbrannten und über 16.000 Menschen obdachlos wurden. Dieses Feuer war tatsächlich einer der Auslöser für das massive öffentliche Wohnungsbauprogramm, das Singapur bis heute prägt. Die Galerie ist kostenfrei und wirklich sehr liebevoll gemacht, mit interaktiven Exponaten und originalen Feuerwehrfahrzeugen. Definitiv einen Besuch wert, zumal sie direkt im Zentrum in der Nähe der City Hall MRT Station liegt.
Richtig cool war, dass ich vor Ort von einem ehemaligen Singaporischen Feuerwehrmann angesprochen wurde, der in seiner Freizeit im Museum aushilft. Da nicht allzuviel los war, hatte ich ganz spontan eine ganz private Führung durch das erste Geschoss von besagtem, pensioiertem Feuerwehrmann. Nicht nur seine Geschichten waren überaus interessant, sondern ebenfalls der Fakt, dass er sehr zielsicher wusste, wo sich Köln befindet. Auch wenn die Domstadt mit Sicherheit die kulturell wertvollste Stadt Deutschlands ist, hält sich der internationale Ruf - mit Ausnahme des Karnevals in unseren Nachbarländern - in Grenzen, außer natürlich für unsere gesellige Gastfreundlichkeit - vor allem im Vergleich zu Restdeutschland. Woher also kommen seine Ortskentnisse? Mein erste Versuch lag schon mal daneben und er hat wieder hier gearbeitet noch studiert oder sonstiges. Stattdessen führte er mich zur Vitrine ganz am Eingang des Museum, in der hunderte Patches, als Aufnäher, präsentiert wurden und zeigte zielgerichtet auf welche im linken Kasten. Ich schaute und staunte nicht schlecht, als ich dort sowohl Feuerwehr Bonn, wie auch Feuerwehr Gummersbach entdeckte. Und es kommt sogar noch interessanter, denn es sind regelmäßig deutsche Berufsfeuerwehrmänner in Singapore stationiert, organisiert durch das singapurische internationale Austauschprogramm für Katastrophenschutz. Sehr intelligent, um sich kontinuierlich die besten und innovativesten Methoden der Welt reinzuholen. Zudem hat Deutschland 2024 ein zusätzliches bilaterales Abkommen mit Singapore getroffen, das eine strategische Partnerschaft auf vielen Gebieten ermöglicht (https://singapur.diplo.de/sg-en/2685202-2685202).
Vom Fischerdorf zur Megacity
Aber zurück zur Geschichte. Der zweite Weltkrieg markiert eines der dunkelsten Kapitel Singapurs. Am 15. Februar 1942 kapitulierte die britische Garnison vor den japanischen Truppen, was Winston Churchill als die „schlimmste Katastrophe" in der britischen Militärgeschichte bezeichnete. Die japanische Besatzung dauerte dreieinhalb Jahre und war geprägt von Brutalität und dem sogenannten Sook Ching Massaker, bei dem zehntausende ethnische Chinesen systematisch ermordet wurden. Nach dem Krieg kehrten die Briten zurück, aber die Stimmung hatte sich grundlegend verändert. Das Vertrauen in die britische Schutzmacht war erschüttert und der Wunsch nach Selbstbestimmung wuchs.
1959 erhielt Singapur die Selbstverwaltung und Lee Kuan Yew wurde der erste Premierminister. 1963 schloss sich Singapur der Föderation Malaysia an, was allerdings nur zwei Jahre hielt. Politische und wirtschaftliche Differenzen, insbesondere die Frage der Gleichberechtigung der verschiedenen Ethnien, führten am 9. August 1965 zur Trennung. Singapur wurde unabhängig, und zwar nicht freiwillig, sondern weil es aus der Föderation ausgeschlossen wurde. Lee Kuan Yew weinte bei der Pressekonferenz, die Zukunft des winzigen Stadtstaates ohne natürliche Ressourcen und ohne Hinterland schien mehr als ungewiss. Es sollte sich als das wichtigste Ereignis in Singapurs Geschichte herausstellen, ohne welches wir heute nicht eine so fortschrittliche und florierende Stadt sehen würden.
Denn was anschließend folgte, ist wohl eine der beeindruckendsten Entwicklungsgeschichten des 20. Jahrhunderts. Lee Kuan Yew und seine People's Action Party verwandelten Singapur innerhalb einer Generation von einem Entwicklungsland in eine der wohlhabendsten Nationen der Welt. Massive Investitionen in Bildung, Infrastruktur und die Bekämpfung von Korruption legten den Grundstein. Der Hafen wurde zum größten Umschlagplatz der Welt ausgebaut, internationale Unternehmen angeworben und das öffentliche Wohnungsbauprogramm des Housing Development Board, kurz HDB, sorgte dafür, dass heute über 80% der Bevölkerung in staatlich gebauten Wohnungen leben. Das ist weltweit einzigartig und hat maßgeblich zur sozialen Stabilität beigetragen.
Noch ein interessanter Fakt, der mit Sicherheit ebenfalls zum gegenseitigen, kulturellen Verständnis beigetragen hat, ist, dass die Singaporees so wohl beim Militär, wie auch in den HDB auf eine Integration aller Kulturen bedacht sind, aber was bedeutet das? In Singapur, wo es eine zweijährige Wehrpflicht gibt, werden zum Beispiel Schlafräume von 4 Personen so geplant, dass 2 Personen mit kulturell chinesischem Hintergrund zusammenwohnen mit einer Person mit malayischem Hintergrund und einer Person mit indischem Hintergrund. So können sich die Kulturen gegenseitig kennenlernen und besser verstehen. Bei den HDB ist diese kulturelle Integration sogar noch einen Schritt strenger und jedes HDB Gebäude muss zwingend die in der Bevölkerung vorliegende Verteilung (75% Chinesen, 15% Malayen, 7% Inder) widerspiegeln. Als Bewerber sollte man sich deshalb manchmal schnell entscheiden, so ist es einem Bekannten bereits folgendes passiert: In ihrem Wunsch HDB gab es zwei offene Wohnung und eine davon haben sie besichtigt. Zum Zeitpunkt, als sie zusagen wollten, ist die andere Wohnung bereits an eine Familie mit gleichem kulturellen Hintergrund gegangen, diese hat einfach schneller zugegriffen. Zwar ist die besagte Wohnung noch frei gewesen, aber die Quote war damit erfüllt und konnte nicht mehr an sie vermietet werden.
Traditionelle Kampongs und Shophouses
Diese rasante Modernisierung hatte allerdings auch ihren Preis. Die traditionellen Kampongs, die Dörfer mit ihren einfachen Holz- und Zinkdachhäusern, in denen die verschiedenen Ethnien Tür an Tür lebten, verschwanden fast vollständig. Wo früher Hühner durch die Gärten liefen und Nachbarn sich gegenseitig Essen vorbeibrachten, stehen heute Hochhäuser und Shopping Malls. Umso faszinierender ist es, dass es tatsächlich noch einen einzigen Kampong auf der Hauptinsel gibt: Kampong Lorong Buangkok. Versteckt in Hougang, umgeben von HDB Blocks, liegt dieses kleine Dorf wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. 1956 wurde das Land von einem chinesischen Händler für traditionelle Medizin gekauft, der es an malaiische und chinesische Familien verpachtete. Heute leben dort weniger als 30 Familien in einfachen Häusern mit Wellblechdächern, umgeben von tropischer Vegetation. Es ist ein unglaublicher Kontrast, wenn man von den modernen Wohnblocks durch ein kleines Tor in eine Welt eintritt, die aussieht, als hätte sich seit 60 Jahren nichts verändert. Die Bewohner leben hier friedlich zusammen, Malaiien und Chinesen nebeneinander, genau so wie es früher überall in Singapur war. Ob der Kampong langfristig überleben wird, ist ungewiss, denn Land ist in Singapur bekanntlich das kostbarste Gut. Aber momentan steht er noch und ich hoffe wirklich, dass er als lebendiges Stück Geschichte erhalten bleibt.
Ein weiterer Wohnstil, der vielfach der Modernisierung zum Opfer gefallen ist, sind die so genannten Shophouses. Die bunten Reihenhäuser, die man heute vereinzelt in Chinatown, Joo Chiat oder Katong sieht, haben eine richtig spannende Geschichte. Ursprünglich wurden diese sogenannten Shophouses im 19. Jahrhundert von chinesischen, malaiischen und indischen Händlern gebaut, die im Erdgeschoss ihren Laden betrieben und darüber mit der ganzen Familie wohnten. Quasi Wohnen und Arbeiten unter einem Dach, ein Konzept, das heute wieder total modern ist. Die Bauweise geht dabei auf südchinesische Vorbilder zurück, die die Einwanderer aus Provinzen wie Fujian und Guangdong mitbrachten und mit europäischen Kolonialstilelementen vermischten.
Das Ergebnis ist eine ganz eigene Architektur mit schmalen Fassaden, hohen Fensterläden und den typischen überdachten Gehwegen, den sogenannten „five-foot ways", die Sir Stamford Raffles 1822 in seinem Stadtplan sogar vorgeschrieben hatte. Im Laufe der Zeit verfielen viele dieser Häuser und in den 1960er und 70er Jahren wurden sie massenhaft abgerissen, um Platz für moderne Hochhäuser zu machen. Erst ab den 1980er Jahren erkannte die Regierung den kulturellen Wert und stellte ganze Straßenzüge unter Denkmalschutz.
Seitdem wurden die Shophouses liebevoll restauriert und in den heute so ikonischen, knalligen Farben gestrichen, die mittlerweile quasi zum Markenzeichen Singapurs geworden sind.
Mein Take Away
Was mich persönlich an Singapurs Geschichte am meisten beeindruckt, ist die Geschwindigkeit der Transformation. In gerade mal 60 Jahren von der Unabhängigkeit ohne Ressourcen zum globalen Finanzplatz und einer der saubersten und sichersten Städte der Welt. Klar, man kann über den autoritären Führungsstil und die strengen Gesetze diskutieren, die berühmte Kaugummi-Regelung kennt ja mittlerweile jeder. Aber wenn man hier durch die Straßen läuft und sieht, wie harmonisch die verschiedenen Kulturen zusammenleben, wie effizient alles funktioniert und wie grün die Stadt trotz ihrer Dichte ist, dann muss man schon anerkennen, dass hier vieles richtig gemacht wurde.
Schon 2011 als ich hier in Singapur studiert habe gab es auschließlich(!) vollständig automatisierte Züge, keine Lokführer, kein Bahnpersonal - alles automatisiert. Die Bahnen fahren vollautomatisch und halten immer an der richtigen Stelle. Alle Bahngleise sind abgesichert durch Glaswände, sodass niemand auf die Gleise fallen kann, und die Türen öffnen sich erst, wenn sich auch die Bahntüren geöffnet haben. Entsprechende Schranken kümmern sich um die Ticketkontrolle. Die MRT ist also nicht nur pünktlicher und sicherer, sondern auch deutlich kostengünstiger wie unsere Bahn.
Sehr sicher - beispiel portmonaie simon
Nicht zuletzt deshalb rangiert Singapore nicht nur bei den lebenswertesten Städten (PRÜFEN) weit oben, sondern als Land mit den reichsten Einwohnern direkt hinter (PRÜFEN)
In den nächsten Artikeln werde ich auf einzelne Aspekte noch genauer eingehen, aber für einen ersten Überblick sollte das reichen, um zu verstehen, warum Singapur so ist, wie es ist. Eine Stadt, die ihre eigene Geschichte in Rekordzeit geschrieben hat und dabei nie aufgehört hat, sich neu zu erfinden.
MARINA BAY SHORT INTRO - WARUM Existiert ist, wann geplant --> MARINA BAY ALS ARTIKEL 2
Danach: Singapore - Rund um die Insel






















